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KUNSTWERK DES MONATS JUNI 2002

Der Weg eines Liederlichen

Das Ostfriesische Landesmuseum │ Emder Rüstkammer verwahrt in seiner Graphischen Sammlung eine Mappe mit „Hogarths Kupferstichen“ von Carl Rahl in 62 Blättern.

Künstler: William Hogarth (1697 London – 1764 London)
Radierer: Carl Heinrich Rahl (1779 Hoffenheim – 1843 Wien)
Der Weg eines Liederlichen
um 1818
Radierung
21,0 x 27,5 cm
Inv.Nr.: GS Kunst 94/13 

In qualitätvollen Radierungen enthält sie Reproduktionen der Hauptwerke des Engländers William Hogarth (1697-1764). Zu diesen gehört ein Zyklus von acht Bildern, in denen der Künstler in eindrucksvollen Kompositionen den „Weg eines Liederlichen“ schildert. Hier ausgestellt ist das erste Blatt dieser Folge. Im Handeln der gezeigten Personen, in den umherliegenden Gegenständen, in deren Zustand oder durch ihre Beschriftung wird der junge Held der Geschichte sorgfältig charakterisiert. Das Geschilderte lässt für seinen weiteren Lebensweg wenig Gutes ahnen:
Tom Rakewell ist durch das Erbe seines geizigen Vaters unverhofft und völlig unvorbereitet zu großem Reichtum gekommen. Den Geiz des Vaters markiert das Geldversteck, das beim Anbringen des Trauerflors hinter der Tapetenleiste an der Zimmerdecke zutage kommt. Die dort sorgsam gehüteten Goldstücke fallen auf das einzige Gemälde in der kärglich eingerichteten Stube, und dieses zeigt höchst sprechend einen Geldwäger, ein altes Sinnbild des Geizes. Aber auch die alte verhärmte Dienerin vor dem Kamin und die halb verhungerte Katze vor der nun geöffneten Kiste mit kostbarem Geschirr sind in diesem Sinne sprechend ebenso wie das über der Tür angebrachte Familienwappen mit den drei Schlüssern und dem Motto „beware“ (Gib acht!). Gleichzeitig ist damit angedeutet, woran es dem Sohn am meisten mangelt. Die Geisteshaltung in dieser Familie verrät aber auch die Bibel unten links in der Ecke, aus deren Einband der Vater lediglich Schuhsohlen zu schneiden wusste.
Der junge Mann, der in seiner Erscheinung noch ganz ungeprägt ist, hat bereits den Schneider kommen lassen und kündigt damit den Aufbruch in ein neues Leben an. Von seinen alten Verhältnissen, und konkret von seiner Braut, sucht er sich mit einigem Geld in der ausgestreckten linken Hand zu befreien. Zornig und empört weist es deren Mutter zurück, die in ihrer Schürze die Briefe von Tom an Sarah trägt und zugleich auf das Kind im Leib der unglücklichen jungen Frau zeigt. Ein als finster charakterisierter Mann, Notar und Schreiber des Güterverzeichnisses, bedient sich indes hinter Toms Rücken schon am Erbe und lässt erahnen, dass auch der junge Mann betrogen werden und wenig Glück finden wird.
Die folgenden Stationen zeigen ihn, ein verschwenderisches und ausschweifendes Leben führen. Bald geht er, durch Spielschulden in Bedrängnis geraten, eine Geldheirat ein. Dann versucht er ergebnislos sein Glück als Dramenschreiber. Sein Ende findet der leichtfertige und allen bürgerlichen Leistungsidealen fernstehende Tom Rakewell im Irrenhaus, an der Seite vieler anderer weltfremder Träumer.
Carl Heinrich Rahls Radierungen nach William Hogarth
Carl Heinrich Rahl wurde 1779 in Hoffenheim bei Sinzheim geboren. 1799 ließ er sich in Wien nieder, wo er als Kupferstecher und Radierer vor allem mit Porträts und Landschaften großes Ansehen erwarb. 1829 erhielt er die Ernennung zum kaiserl.-königl. Kammerkupferstecher und 1840 die Professur für Kupferstecherkunst an der Wiener Akademie. Er starb 1843 in Wien.
Die als Radierung ausgefährten Reproduktionen der Hogarth'schen Blätter schuf Carl Heinrich Rahl zur Illustration von „Georg Christoph Lichtenberg's Ausführlicher Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche“, die der Wiener Verlag Kaulfuß und Armbruster 1818-23 in einem Nachdruck herausgab. Um 1835 übernahm der Buchhandelsverlag Rudolph Sammer in Wien die Restauflage und brachte nach deren Verkauf um 1844 eine Neuauflage mit einem jetzt von 50 auf 62 Radierungen erweitertem Tafelband heraus. Aus dieser Auflage stammt das ausgestellte Blatt.
Carl Heinrich Rahl war in seinen Reproduktionen auf eine exakte Wiedergabe des Originals bedacht, doch verfiel er in keine zögerliche Nachahmung. Im Detail sind seine Radierungen sorgfältig, dabei aber frisch und souverän gezeichnet. Sie geben die originalen Graphiken von Hogarth in einer etwa auf die Hälfte reduzierten Größe wieder.
William Hogarth und Georg Christoph Lichtenberg
Der Maler und Grafiker William Hogarth, 1697 in London geboren und 1764 dort gestorben, war ein von der Aufklärung geprägter, höchst verantwortungsbewusster Zeitgenosse und als Künstler ein großartiger Satiriker. In seinen Modernen Sittenstücken, wie er seine zeitkritischen Kompositionen nannte, verdeutlichte er aktuelle politische und soziale Probleme und führte warnend den Menschen die ewigen Schwächen ihrer Natur vor Augen. Bei allem Ernst in der Sache tat er dies mit großen Witz in Einzelblättern, Bildpaaren und sehr erfolgreich in Bildergeschichten wie eben dem Zyklus „Der Weg eines Liederlichen“ („A Rake's Progress“). Sie wie fast alle seine großen Kompositionen hatte Hogarth die Folge zunächst (1733) in Malerei ausgeführt und dann erst in Kupferstiche (mit Radierung) umgesetzt, um eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen.
Der Detailreichtum und die zahlreichen Anspielungen auf aktuelle Ereignisse und historische Personen haben schon früh zu Kommentierungen der Hogarth'schen Werke herausgefordert. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Professor für Experimentalphysik an der Georg-August-Universität in Göttingen, hatte sich von seinem Englandaufenthalt 1774/75 einen nahezu vollständigen Satz der Druckgraphik von William Hogarth mitgebracht. Ab 1784 veröffentlichte er im Göttinger Taschen Calender kurze Kommentare zu den Hogarth'schen Kupferstichen. Sie fanden bei den Lesern größtes Interesse. Der Verfasser entschloss sich, ihnen ausführliche Erklärungen folgen zu lassen. Diese erschienen ab 1794 in mehreren Lieferungen im Verlag der Dieterich'schen Buchhandlung in Göttingen zusammen mit radierten Reproduktionen von Ernst Ludwig Riepenhausen (1762 – 1840). Lichtenbergs Erklärungen sind als schriftstellerische Leistung, aber auch in der sorgfältigen Beobachtung und kontextuellen Deutung vieler Motive bis heute unübertroffen geblieben. Sie haben maßgeblich das Hogarth-Bild geprägt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erschienen sie in einer Vielzahl von Auflagen und in Nachdrucken anderer Verlagshäuser – so wie in Wien bei Sammer mit den Reproduktionen von Carl Heinrich Rahl.

Dr. Annette Kanzenbach